Bonus für bürgerschaftliches Engagement

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Bonus für bürgerschaftliches Engagement
Autor Joachim Winkler
Art Studiogespräch
Erscheinungsjahr 2010
Verlag Deutschlandfunk, 27. 10. 2010 (10.10 – 11.30)
Hyperlink http://www.dradio.de/dlf/vorschau/20101027/
Reihe

Journal am Vormittag - Länderzeit Bonus für bürgerschaftliches Engagement - Immer mehr Bundesländer belohnen Freiwillige mit Ehrenamtskarte

Gesprächsteilnehmer: - Prof. Dr Joachim Winkler, Soziologe Hochschule Wismar - Katrin Arndt, Ehrenamtskoor- dinatorin Leverkusen - Stefan Grüttner, Sozialminister Hessen - Thomas Kegel, Projektleiter Akademie für das Ehrenamt

Bonus für bürgerschaftliches Engage¬ment

Michael Roehe: Sie soll Ausdruck der Wertschätzung für einen großen ehrenamtlichen Einsatz sein. Gemeint ist die so genannte Ehrenamtskarte, die in immer mehr Bundesländern eingeführt wird, eine Art Dankeschön mit unterschiedlichen Prämien für ein besonderes Engagement und eine Art gesellschaftlicher Anerkennung für eine Arbeit, die an ganz vielen Stellen nicht mehr wegzudenken ist. Wir wollen heute Morgen das Ehrenamt, das bürgerschaftliche Engagement in den Mittelpunkt unserer Sendung „Länderzeit“ stellen. Welche Erfahrungen machen Städte mit der Ehrenamtskarte? Ist sie tatsächlich Anreiz für mehr freiwilliges Engagement und wie entscheidend ist der ehrenamtliche Einsatz heute? Hat er an Bedeutung zugenommen, etwa Angesichts vieler leerer Kassen? Rufen sie uns gerne kostenfrei an oder schreiben sie uns von ihren Erfahrungen mit dem Ehrenamt. Gibt es aus ihrer Sicht genug Anlaufstellen vor Ort, um als Freiwilliger sein ganz persönliches Einsatzfeld zu finden? Was motiviert sie, was motiviert viele Menschen in allen Altersstufen sich bürgerschaftlich zu engagieren … M.R.: Professor Winkler, wie wichtig ist denn (wir haben ja jetzt auch Beispiele gehört) dieses Ritual der Anerkennung, diese Kultur der Anerkennung?

J.W.: Ich halte das für sehr wichtig. Ich finde auch den Weg, der hier eingeschlagen wird in Hessen und in Leverkusen, in Nordrhein-Westfalen auch für den richtigen Weg. Aber ich glaube, man muss die Zielrichtung etwas deutlicher machen. Im Grunde brauchen die Ehrenamtlichen keinen Gratifikationsersatz. Das brauchen die nicht, die machen das aus Spaß und aus Freude, haben Genugtuung davon. Das Wichtuge bei diesen Ritualisierungen, bei der Vergabe von Ehrenamtskarten ist, dass das eigentlich auf die Öffentlichkeit gezielt ist. Das ist wichtig: Die Öffentlichkeit soll merken, dass das was Wertvolles ist, was dort gemacht wird, dass also die Ehrenamtlichkeit als Wert besser eingeschätzt wird. Wenn man so in die Historie der Diskussion schaut, kenn sie alle die negativen Begriffe zur Ehrenamtlichkeit der Vereinsbonze oder der Gewerkschaftsbonze, der Vereinsmeier, der Parteibonze, der Funktionär. Dies sind alles eher negativ belegte Begriffe und davon müssen wir eigentlich weg.

M.R.: Nun haben sie ja eben die Öffentlichkeit angesprochen, also es ist auch ein Signal nach außen. Aber wir haben eben auch gemerkt (sowohl bei Herrn Grütner und bei Frau Arndt) es ist natürlich auch ein Signal nach innen, insofern, dass sich viele Menschen schon wünschen, dass man das, was man da freiwillig Woche für Woche tut, doch in irgend einer Form auch Anerkennung findet.

J.W.: Ja, man fühlt sich dann schlichtweg wohl. Wenn man merkt die Arbeit wird anerkannt, man hat etwas für andere getan, dann fühlt man sich wohl. Vielleicht ein kleiner Ausflug in die Neurowissenschaften, die haben ja inzwischen entdeckt, woran das liegt. Die wissen, dass solidarisches Verhalten ähnliche Gehirnregionen positiv beeinflussen, die beim Schokoladeessen aktiv sind und des Weiteren auch beim Sex aktiv sind (das muss ganz offen mal gesgt werden). Es sind dieselben Gehirnregionen, die Wohlwollen erzeugen und wenn man anerkannt wird, die Arbeit anerkannt wird, dann hat man Gefühle des Wohlseins. Das ist das was nach innen bei den Ehrenamtlichen wirkt. … M.R.: Nun ging es vor den Nachrichten sehr stark um die Frage, ob vielleicht auch das Ehrenamt Bereiche auch heute ausfüllen muss, die eigentlich von Seiten der Städte, von Seiten auch der Bundesländer auch erfüllt werden müssten. Herr Professor Winkler, wie schätzen sie es ein?

J.W.: Also ich glaube erst einmal, dass beide Bereiche, der hauptamtliche, der professionelle Bereich und der ehrenamtliche Bereich gleichzeitig aktiv sein sollen in diesem Metiers. Aber ich würde davor warnen zu glauben, dass man Dinge die professionell bisher getätigt worden sind in ehrenamtliche Obhut zu geben. Ich halte das eigentlich für gefährlich, weil der Trend eigentlich dahin geht, dass viele Dinge professionell gemacht werden müssen, d.h. nicht weil die Hauptamtlichen besser sind, sondern weil sie sich „Rund um die Uhr“, sage ich mal, mit der gesamten Arbeitszeit sich um solche Dinge kümmern können. Vielleicht ein Beispiel: die Pflege (Herr Grütner wird mir das wahrscheinlich bestätigen). Der ursprüngliche Wunsch des Gesetzgebers war bei der Pflegeversicherung, dass mehr Familienmitglieder die Pflege übernehmen. Das war die ursprüngliche Absicht. Aber wenn man sich das heute anschaut, sieht man, dass dadurch ein neues Berufsfeld entstanden ist, die Pflege, die ambulante Pflege vor allen Dingen. Und man kann sich die Pflegesituation in Deutschland ohne ambulante Pflege, ohne professionelle Pflege gar nicht mehr vorstellen. Da würde ich ein bisschen warnen: Es geht nicht alles, es gibt Grenzen, wo Professionalität vor allem im sozialen Bereich von Nöten ist. … M.S.: Vielleicht Professor Winkler ist das der beste Zeitpunkt sich mal das soziale, das ehrenamtliche Engagement genauer anzuschauen. Wir haben eben schon von Herrn Kegel gehört: Rund jeder Dritte engagiert sich in Deutschland ehrenamtlich. Wir haben auch gehört, Sportvereine sind immer noch führend. Was sagen die Zahlen?

J.W.: Es ist tatsächlich so, dass etwa ein Drittel ehrenamtlich tätig ist. Wobei man dazu sagen muss, es sind Personen, die langfristige Aufgaben und Funktionen übernehmen. Wenn man generell das Engagement nimmt, ist der Prozentsatz nopch höher. Das muss mann sagen. Das Zweite ist: Der größte Bereich bleibt und ist der Sport, ein ähnlich großer Bereich sind Geselligkeitsfrage und der soziale Bereich kommt relativ spät erst. Das ist eine Vielfalt, die man jetzt gar nicht aufzählen kann. Vielleicht dann noch zwei weitere Fakten. Die ehrenamtliche Tätigkeit ist bei Männern höher als bei Frauen.

M.R.: Gibt es dafür Gründe?


J.W.: Ja, ist im Kern, im Hintergrund diese alte Rollenteilung zwischen Mann und Frau, die ja immer noch ein bisschen zum Tragen kommt, immer noch eine kleine Rolle spielt. Ich habe vielleicht noch eine andere These, darüber haben wir noch nicht gesprochen. Berufstätige sind überdurchschnittlich oft ehrenamtlich tätig. Herr Grütner hatte das vorhin kurz angedeutet. D.h., die Leute, die auch erfolgreich im Beruf sind, ein bestimmtes Leistungsethos, eine Leistungsorientierung haben, tragen das in die Öffentlichkeit, in die Gesellschaft hinein und sind auch in der Freizeit, sprich im Ehrenamt dann tätig. D. h., es gibt also gerade in den Altersgruppen, wo die Berufstätigkeit recht hoch ist, auch die höchsten Anteile.

M.R.: Wir haben im Laufe der Sendung auch schon mal von Jugendlichen gesprochen, die sich möglicherweise nicht so langfristig binden sondern eher projektbezogen sich engagieren. Welche Altersgruppen tragen denn in der Hauptsache die Ehrenamtlichkeit in Deutschland?. Sie haben eben gesagt, es sind viele Berufstätige. Man könnte jetzt zunächst mal sagen, es sind auch viele Ältere, die dann, wenn sie aus dem Beruf ausscheiden, sagen, was für eine sinnvolle Aufgabe kann ich denn übernehmen.

J.W.: Ja, die Anteile der Älteren, so ab 60 Jahre sind nicht so hoch wie bei den Berufstätigen zwischen 30 und 50 Jahren. Der Anteil der Jugendlichen ist auch relativ hoch, er ist fast so hoch wie bei den Rentnern, also bei den Leuten über 60 Jahre. Und die Jugendlichen sind in diesen Studien, die da vorliegen (also der Freiwilligensurvey des Bundesministeriums), 14 bis 24 Jahre. Das sind die Jugendlichen letztendlich. Also ein relativ hoher Anteil Jugendlicher, allerdings nicht in den klassischen Funktionen, sondern sie suchen Kontakte, die wollen sich weiterentwickeln, die wollen auch Spaß haben. Das ist eigentlich die Chance: Wenn die in verschiedenen Organisationen tätig sind, dann muss man sie greifen, sag ich mal etwas salopp und versuchen, sie rein zu sozialisieren in diese Tätigkeiten. … (Eine Höherin erzählt von Erfahrungen mit Politikern, die die Ehrenamtlichen nicht genug würdigen, sie sei auch „zusammengefaltet“ worden. Politiker sollten die Ehrenamtlichen auf „Augenhöhe“ wahrnehmen. Sozialminister Grütner versucht zu schlichten, das können nur Einzelfälle sein. Politiker treten in der Regel in Augenhöhe auf, denn sie wissen, dass die Ehrenamtlichen auch der „Kitt“ sei, der die Gesellschaft mit zusammenhält).

J.W.: Ich wollte kurz ein Statement dazu abgeben. Man darf nicht vergessen, dass die Politik, die politische Tätigkeit natürlich im Ursprung ein Ehrenamt gewesen ist, und auf der kommunalen Ebene noch ist. Die Politiker wissen eigentlich, wovon sie reden.

(Herr Grütner als Politiker in der Runde erläutert kurz die Ehrenamtlichkeit in der Kommunalpolitik.)

J.W.: Daran kann man auch erkennen, was das bedeutet, wenn in diesen Bereichen dann Professionalisierung stattfindet. Das wäre jetzt aber ein anderes Thema, über die Berufspolitiker zu sprechen. … (Ein Hörer fordert von den Arbeitgebern mehr Freiheit für die ehrenamtliche Tätigkeit der Mitarbeiter)

M.R.: Herr Professor Winkler, vielleicht sprechen wir mal die Anforderungen im Beruf an. Die sind gestiegen, damit sind auch die Zeitfenster sich ehrenamtlich zu engagieren ein bisschen enger geworden. Gleichzeitig haben wir gehört von Herrn Wehner (Hörer), wenn die Arbeitgeber doch ein bisschen mehr Anerkennung zeigen würden, indem sie berufliche Freiräume schaffen würden. Eine gute Idee?

J.W.: Ja. Es sind zwei Punkte. Ich gehe auf Punkt zwei ein. Die Unternehmen. Ich glaube schon, dass die Unternehmen sich noch stärker aktivieren sollten, ihre Mitarbeiter anzuhalten zur ehrenamtlichen Tätigkeit oder bestehende ehrenamtliche Tätigkeit zu gutieren. Denn man muss davon ausgehen, dass wenn ein Unternehmen aktive Mitarbeiter hat außerhalb des Betriebes, kann er davon ausgehen, dass sie auch im Betrieb aktiv sind. Er weiß dadurch, dass er leistungsorientierte, produktive Mitarbeiter hat, also muss er ihnen auch den Freiraum geben. Das ist die eine Sache. Die zweite Sache mit der Berufstätigkeit: Es gibt natürlich unterschiedliche Berufsfelder, d. h. es ist kein Zufall, dass in vielen Positionen Berufstätige tatsächlich tätig sind, aber dann in Positionen, wo sie in der Lage sind disponibler mit ihrer Zeit umzugehen. Diese Leute werden natürlich ein bisschen bevorzugt, weil sie die Möglichkeit haben, Ressourcen aus ihrem Betrieb oder ihrem Unternehmen und Zeit zu investieren.. Sie knapsen die Zeit ab und haben die Möglichkeit, die Zeit woanders nachzuholen. … M.R.: Herr Professor Winkler, knappe Minute haben wir noch, deswegen ganz kurz die Frage: Eher optimistisch was die Zukunft der Bürgergesellschaft, das ehrenamtliche Engagement in Zukunft betrifft?

J.W.: Ja, ich meine, es war immer hoch. Aber es wird öffentlich diskutiert, das finde ich gut, um die Anerkennungskultur zu verbessern. Aber was Herr Kegel vorhin gesagt hat, ist sehr wichtig. Wenn man mehr Beteiligung hat, möchten die Leute auch mehr Verantwortung haben. Und wenn man mehr Verantwortung hat, auch mehr Einfluss. Und darauf müssen sich die Politiker schon einstellen.