Corona und Ehrenamt (Vortrag)

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Corona und Ehrenamt (Vortrag)
Autor Joachim Winkler
Tagung/Veranstaltung Enquetekommission "Rahmenbedingungen für das ehrenamtliche Engagement verbessern" des Landtages Niedersachsen
Ort Hannover (per Video)
am 21. Mai 2021
Review
Titel Proceedings
Autor Proceedings
Verlag
Erscheinungsjahr 2021

Joachim Winkler: Corona und Ehrenamt

Im März dieses Jahres (also vor zwei Monaten) ist die Kurzfassung der Ergebnisse des 5. Freiwilligensurveys veröffentlicht worden. Erhoben wurde er 2019, also kurz vor dem Ausbruch der Pandemie. Daher bringt der Survey keine diesbezüglichen Ergebnisse. Aber ein Datum könnte in Bezug auf die Corona-Krise und Ehrenamt auch für unser Thema wichtig sein: 57% der Freiwilligen/Ehrenamtlichen nutzen das Internet für ihr Engagement. Digitalisierung ist also kein Fremdwort mehr im Ehrenamt. Allerdings ist es eine teilweise, eine flankierende Nutzung. Dazu gehören neben dem Versenden von e-mails und Recherchen, die Beteiligung an sozialen Netzwerken, Blogs etc.(34,3), das Erstellen von Newslettern oder Onlineberichten (20,3), die Homepagebetreuung eines Vereins/einer Organisation (13,5), die Werbung von Spenden oder Engagierten (12,5), das Angebot von Lehre, Beratung oder Expertise im Internet(5,4) (Simonson u.a. 2021, S. 37). Mit der ersten Welle und dem ersten Lockdown entdeckt die Sozialwissenschaft und die Ökonomie das Thema Coronakrise und ihre sozialen Folgen. Edgar Grande und Sven Hutter vom Wissenschaftszentrum Berlin haben dies in einem Artikel mit dem Titel „Wer hilft den Helfern? Die Zivilgesellschaft in der Corona-Krise“ gut beschrieben. In der Folgenabschätzung suchte man nach Hinweisen bei der Bewältigung von Krisen und Katastrophen. Es wird dabei erkennbar, dass staatliches Handeln nicht alleine hinreichend ist, sondern auch die Zivilgesellschaft mit Hilfsbereitschaft und Solidarität zur Lösung beiträgt, die auf den Beziehungsnetzwerken der Bevölkerung basiert. Forscher nennen dies das „soziale Kapital einer Gesellschaft“. Die Aktivierung dieses Kapitals wird gerne am Beispiel der Flüchtlingskrise im Jahre 2015 beschrieben, in der sich viele Vereine und Verbände und neue Initiativen engagierten. Eine Übertragung auf die Coronakrise ist aber begrenzt. Zwar zeigen sich solidarische Hilfeleistungen für Risikogruppen, aber die spezifische Reaktion auf eine Seuche ist die Herstellung von Distanz und die Einschränkung der Mobilität und beides schränkt „bürgerschaftliches Engagement“ ein, den „Zugang zum öffentlichen Raum“ und die „Möglichkeit des gemeinsamen Handelns vor Ort“ (Grande/Hutter 2020, S. 28) In der dritten Stellungnahme zur Coronavirus-Pandemie „Die Krise nachhaltig überwinden“ kommt die Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina vom 13. April 2020 zu folgendem Ergebniss bezogen auf das Ehrenamt: „Die aktuellen Maßnahmen zur Verlangsamung der Ansteckungen führen jedoch gleichzeitig zu einer empfindlichen Schwächung der Zivilgesellschaft. Deren Dynamik, die sich bürgerschaftlichem Engagement verdankt, Demokratie lebendig erhält und die Gemeinwohlorientierung verstärkt, findet immer auch in der Öffentlichkeit statt. Das öffentliche Leben ist jedoch durch die geltenden Einschränkungen tiefgreifend gestört und weitgehend stillgestellt. Die Aktivitäten der Vereine – von den Sport- und Kulturvereinen über Freundes- und Fördervereine bis zu den Basisorganisationen des politischen und kirchlichen Lebens – sind größtenteils eingestellt. Große Bereiche der organisierten Zivilgesellschaft existieren aktuell lediglich in digital geknüpften Netzwerken in geschrumpfter Form. Auch im Hinblick auf die Zukunft der Zivilgesellschaft spricht daher alles für die schrittweise Lockerung der aktuellen Maßnahmen – sobald irgend möglich“(Leopoldina 2020, S. 9) . Grande und Hutter stellen sich in diesem Zusammenhang die Frage, was passiert nach dem Ende einer Krise mit der Zivilgesellschaft. Sie rekurrieren auf die Katastrophenforschung. Eine Studie zu den gesellschaftlichen Folgen des Hurrican Katarina 2005 in den USA ergibt folgendes Bild: (1) Das soziale Kapital einer Gesellschaft wird in der Katastrophe bzw. Krise geschwächt, im Sinne des oben aufgeführten Zitats der Leopoldina, (2) nach der Krise kommt es zu einer Erholung aber nicht unbedingt zu 100 % oder langsam und (3) „Das soziale Kapital erholte sich dort besonders schnell, wo die Zivilgesellschaft gezielt vom Staat durch Hilfsprogramme unterstützt wurde“ (Grande/Hutter 2020, S. 29). Weiter unten komme ich darauf zurück. Im Folgenden möchte ich nun einige empirische Daten zusammentragen, die verdeutlichen, welche Folgen die Coronakrise für das freiwillige Engagement hat. Hilfreich ist dabei der „Sozioökonomische Panel“(SOEP), der seit 1984 regelmäßig durchgeführt wird und im März 2020 durch die SOEP CoV- Studie ergänzt wurde (https://soep-cov.de) . Obwohl nach ehrenamtlicher Tätigkeit nicht direkt gefragt wurde, zogen die beteiligten Forscher einige Schlüsse zur ehrenamtlichen Tätigkeit aus der ersten SOEP-Corona-Studie (Burckhardt/Liebig 2021). Für die ältere Bevölkerung konstatieren sie eine Reduzierung ehrenamtlicher Tätigkeit auf Grund der Kontakteinschränkungen mit geringerer Chance dies digital auszugleichen. und eine Reduzierung der Kontakte zu ehrenamtlichen Helfern. Die daraus sich ergebenen psychischen Belastungen führten allerdings nicht zu einer Steigerung des Einsamkeitsgefühls. Für Frauen und Familien mit betreuungspflichtigen Kindern konstatieren sie eine vermehrte Belastung durch die Schließung der Betreuungseinrichtungen bei gleichzeitiger Berufstätigkeit. Hier sei zu vermuten, dass ehrenamtliche Tätigkeit, die für diese Eltern überdurchschnittlich hoch war, diese reduzieren und u. U. nicht wiederaufnehmen. Ein Ergebnis des SOEP CoV ist bemerkenswert: „Die durchschnittlichen Sorgen um den ge-sellschaftlichen Zusammenhalt haben sich im ersten Lockdown (März/April 2020) im Vergleich zum Vorjahr signifikant verringert“. Die erfolgten Hilfeleistungen und Engagements haben sicher dazu beigetragen. Für das Frühjahr 2021 ist eine weitere Panelerhebung, in der die ehrenamtliche Tätigkeit dezidiert betrachtet werde soll, geplant, deren Ergebnisse allerdings noch nicht vorliegen. Eine weitere Institution, die sich mit dem Thema Corona und Ehrenamt beschäftigt ist die ZiviZ gGmbH, eine Tochtergesellschaft des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Ziviz steht für Zivilgesellschaft in Zahlen (https://www.ziviz.de). Datengrundlage sind Panels (d.h. Wiederholungsbefragungen) unter den Führungskräften von Verbänden und (lokalen) Organisationen der Zivilgesellschaft, die seit März 2020 durchgeführt werden. Das erste Panel zeigte eine starke Welle der Hilfsbereitschaft, die befragten Führungskräften sprachen mehrheitlich von einem „explosionsartigen Anstieg von spontanem und informellem Engagement. Vielfach waren es bereits bestehende Vereine und Initiativen, die Impulse zur Hilfe gaben, zuvor Engagierte und neu Dazukommende vernetzten und koordinierten“ (Thamaz 2021, S. 19). Das zweite Panel im August 2020 kam zu dem Ergebnis, dass der Anfangstrend nur von 28% der Befragten bestätigt wird, 35% sprechen von einem Nachlassen (37% teils-teils). Im dritten Panel im November 2020 sind es 19%, die den Anfangstrend weiterhin sehen, 32% sehen ein Nachlassen (49% teils-teils), Ein Abflachen trotz zweiter Welle. Befragte Organisationen antworteten auf das Statement: „Bei uns gibt es viele Engagierte, die sich für Betroffene der Coronakrise helfend engagieren (lokale Organisationen)“ 47% mit trifft nicht zu (trifft eher zu 26%, teils-teils 27%. Ein weiterer Indikator sind die Kündigungen von Mitgliedschaften. In der Augustbefragung berichten 15% von Kündigungen der Mitgliedschaft, in der Novemberbefragung 17%. Die Zahlen scheinen erst einmal als gering anzusehen, als Motivation wird hier die Coronakrise vermutet. Die finanzielle Situation, so berichten die Befragten, sei gekennzeichnet durch den Rückgang von unterschiedlichen Einkünften wie selbsterwirtschaftete Mittel (82%), Spenden (48%). Mitgliedschaftsgebühren (23%) und öffentliche Mittel (21%). Hinzu träten Mehrkosten auf Grund von Hygienemaßnahmen und der Digitalisierung. In diesem Zusammenhang ist auf einen wichtigen Punkt hinzuweisen. Organisationen, die über hauptamtliche Mitarbeiter verfügen, konnten diese in Kurzarbeit schicken, für Mini-jobber gilt dies allerdings nicht, für Organisationen mit Betriebskosten kamen Überbrückungsgelder in Frage. Reine ehrenamtliche Organisationen können nur darauf hoffen, dass öffentliche Zuschüsse trotz Reduzierung von Tätigkeiten auf Grund der Verwendungsnachweise nicht zurückgefordert werden. Ob das der Fall sein wird, wird sich in diesem Jahr für die Gelder im Jahr 2020 zeigen. Für Freiwillige ohne organisatorische Bindung bleibt das eigene Engagement. Auf Grund der oben genannten Forschungsergebnisse würden aber Hilfsprogramme für die Organisationen und Initiativen helfen, die auf Grund ihrer fehlenden wirtschaftlichen Aktivitäten nicht in den Genuss der auf die Wirtschaft bezogenen Hilfsprogramme kommen können.

Die empirische Datenlage zu den Folgen der Pandemie ist noch schwach. Das liegt auch daran, dass wir noch mittendrin in der Krise sind. Beobachtbare Veränderungen sind mit Sicherheit noch nicht stabil. Wir wissen nicht, welche Regeln der Distanz und der Mobilität sich wieder zurückbilden, welche Hygienemaßnahmen bleiben. Was wird aus dem Händeschütteln, dem Bussi-Bussi oder der Maske, was aus Groß- oder Massenveranstaltungen, was aus privaten Feierlichkeiten, was aus dem Verkehr ÖPNV, Flugreisen, Kreuzschifffahrt, welche Rolle wird die eigene Häuslichkeit und Privatheit in Zukunft spielen. Was sich abzeichnet ist allerdings, dass sich durch die beschleunigte Digitalisierung erst viele Lebensbereiche in der Coronakrise aufrechterhalten ließen, was auch für das ehrenamtliche Engagement gilt. Die Vorteile, die sich dabei gezeigt haben, werden wohl nicht mehr so schnell aufgegeben werden. Vielleicht ist das hybride Engagement die Zukunft. Der dritte Engagementbericht der Bundesregierung hat dabei, ohne Wissen von der kommenden Corinakrise, erste Hinweise gegeben. Der zugrundeliegende Bericht der Sachverständigenkommission wurde im Dezember 2019 unter dem Titel „Zukunft Zivilgesellschaft: Junges Engagement im digitalen Zeitalter“ dem zuständigen Bundesministerium (BMFSFJ) vorgelegt und nach Unterrichtung des Bundestages im Mai 2020 (nach der ersten Krise) veröffentlicht. Kern der erarbeiteten Strategie ist die Einbindung einer digital affinen Jugend in das zivile Engagement, um somit eine bessere Verbindung etablierter und digitaler Engagementformen herzustellen zu gewährleisten. Die Coronakrise wird Folgen haben, eines lässt sich dabei vermuten, es wird kein Zurück in die frühere Normalität geben und das gilt auch für das Ehrenamt. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.


Literatur

Burkhardt, Luise / Stefan Liebig: Ehrenamt und gesellschaftlicher Zusammenhalt in der Coronakrise – Erkenntnisse aus der SOEP-CoV-Studie, in: ZIVIZ Discussion Paper 02 März 2021, S. 15 – 18 https://www.ziviz.de/medien/folgen-der-coronakrise

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Dritter Engagementbericht. Zukunft Zivilgesellschaft: Junges Engagement im digitalen Zeitalter, Berlin, Mai 2020 https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/freiwilliges-engagement-in-deutschland-176834


Grande, Edgar / Swen Hutter: Wer hilft den Helfern? Die Zivilgesellschaft in der Corona-Krise, in: WZB-Mitteilungen 168, Juni 2020, S. 27-29 https://bibliothek.wzb.eu/artikel/2020/f-23086.pdf Krimmer, Holger / Magdalena Bork / Lydia Markowski / Johanna Gorke: Lokal kreativ, finanziell unter Druck, digital herausgefordert, Berlin 2020 https://www.ziviz.de/medien/freiwilliges_engagement_corona-krise Leopoldina. Nationale Akademie der Wissenschaften: Ad-hoc-Stellungnahmen zur Coronavirus-Pandemie, Dezember 2020 https://www.leopoldina.org/uploads/tx_leopublication/2020_Leopoldina-Stellungnahmen_Coronavirus-Pandemie_1-7.pdf Simonson, Julia / Nadiya Kelle, Corinna Kausmann, Nora Karnick, Céline Arriagada, Christine Hagen, Nicole Hameister, Oliver Huxhold & Clemens Tesch-Römer: Freiwilliges Engagement in Deutschland. Zentrale Ergebnisse des Fünften Deutschen Freiwilligensurveys (FWS 2019), hrsg. v. BMFSFJ, Berlin März 2021 https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/freiwilliges-engagement-in-deutschland-176834 Thamaz, Birthe(Projektleiterin). Weiniger Handlungsspielräume trotz besonderer Leistungen. Coronakrise führt zu wachsender Unsicherheit uns Schwächung zivilgesellschaftlicher Strukturen, Stifterverband Policy Paper Ausgabe 01, 21. Januar 2021 https://www.ziviz.de/corona

Thamaz, Birthe: Auswirkungen der Coronapandemie auf die Entwicklung des freiwilligen Engagements – Ergebnisse des ZIVIZ-Engagement-Barometers, In: ZIVIZ Discussion Paper 02 März 2021, S. 19 – 22 https://www.ziviz.de/medien/folgen-der-coronakrise Wang, Lili/Ganapati, Nazife Emel: „Disasters and Social Capital: Exploring the Impact of Hurricane Katrina on Gulf Coast Counties“. In: Social Science Quarterly, Jg. 99, S. 296-312.

Vortrag gehalten vor der Enquetekommission Rahmenbedingungen für das ehrenamtliche Engagement verbessern des Landtages Niedersachsen am 21. Mai 2021