Die meisten Ehrenamtlichen sind Berufstätige

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Die meisten Ehrenamtlichen sind Berufstätige
Autor Joachim Winkler
Art Interview
Erscheinungsjahr 2011
Verlag ZDF Heute.de Wirtschaft, Schon wieder Montag... am 19.9.2011
Hyperlink http://www.phoenix.de/content/heute_tagesarchiv/844?date=2011-09-19&kat=16512
Reihe

ZDF.de - Artikelseite http://www.heute.de/ZDFheute/druckansicht/15/0.6903.8349295.00.html 19.09.2011 http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/15/0.3672.8349295.00.html "Die meisten Ehrenamtlichen sind Berufstätige" Schon wieder Montag ... - Joachim Winkler über die Vereinbarkeit von Ehrenamt und Job Deutschland wäre arm ohne Ehrenamtliche - fast jeder Dritte engagiert sich neben dem Job. Im heute.de-Interview spricht der Soziologe Joachim Winkler über Feuerwehreinsätze während der Arbeit und wann es Zeit ist, das Ehrenamt an den Nagel zu hängen.

heute.de: Warum engagieren sich so viele Deutsche? Joachim Winkler: Weil es ihnen Spaß macht. Dahinter stecken natürlich viele unterschiedliche Motive. Man will teilhaben, man will kommunizieren, man will helfen, man will gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. heute.de: Wie aber lassen sich Ehrenamt und Beruf vereinbaren? Winkler: Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen beruflicher und ehrenamtlicher Tätigkeit. Wenn man im Beruf sehr aktiv ist, dann nimmt man diese Leistungsbereitschaft auch in die Freizeit mit. Die meisten Ehrenamtlichen sind Berufstätige.

INFOBOX Joachim Winkler, geboren 1951, hat über die "Soziologie des Ehrenamts" promoviert. Seit 1998 ist Winkler Professor für Allgemeine Soziologie an der Hochschule Wismar. Er hat sich in zahlreichen Publikationen mit ehrenamtlichem Engagement beschäftigt. Noch dieses Jahr erscheint sein neues Buch "Über das Ehrenamt".

heute.de: Führt das nicht zu einer enormen Doppelbelastung? Tagsüber Lehrer, abends Jugendbetreuer? Winkler: Wenn man sich die Berufe von Ehrenamtlichen ansieht, wird schnell deutlich: Die meisten sind beruflich in einer höheren Position und dadurch in der Lage, ihre Zeit selbst einzuteilen. Die müssen ihre Zeit nicht irgendwo abzwacken, sondern haben die Möglichkeit zu sagen: "Ich mache das jetzt und hole den Rest später nach." heute.de: Das kann sich nicht jeder erlauben. Was macht beispielsweise der Mitarbeiter im Büro, wenn sein Feuerwehrmelder während der Arbeit blinkt?

Winkler: Dann muss er los. Und sein Arbeitgeber wird ihn gehen lassen müssen. Die Arbeitgeber können froh sein über Mitarbeiter, die auch außerhalb des Berufes einen hohen Aktivitätsgrad haben, weil sie dann davon ausgehen können, dass sie auch im Beruf aktiver sind.

INFOBOX Schon wieder Montag ... Die Arbeitswoche beginnt und bringt Spaß oder Frust im Job, Chancen oder Probleme. heute.de geht jeden Montag einem Thema aus der Arbeitswelt auf den Grund. Diese Woche aus Anlass der Woche des bürgerschaftlichen Engagements dem Ehrenamt. Was bewegt Sie in Sachen Job und Karriere? Schreiben Sie an redaktion.heuteonline@zdf.de - wir freuen uns über Anregungen für die nächsten Montage. Die Themen der vergangenen Wochen finden Sie hier.

heute.de: Aber doch nicht, wenn der Mitarbeiter dadurch seinen Job vernachlässigt? Winkler: Da gibt es sicherlich Grenzen. Aber im Prinzip ist es möglich, dass man auch während der Arbeit solche Tätigkeiten verrichtet. So oft brennt es ja nun auch nicht. Sonst kann man nur empfehlen, nicht zur Feuerwehr zu gehen, wenn man im Beruf Schwierigkeiten hat sich loszulösen. Aber das sollte bereits vorab mit den Vorgesetzten geklärt und im Arbeitsvertrag ausgehandelt werden.

ZITAT "Wenn es zum Beispiel um ehrenamtliche Richtertätigkeiten wie etwa das Schöffengericht geht, muss der Arbeitgeber seinen Mitarbeiter gehen lassen. "

heute.de: Muss der Chef seine Mitarbeiter zu solchen Einsätzen überhaupt gehen lassen? Winkler: Das kommt auf die Vereinbarung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer an - und auf das Ehrenamt. Wenn es zum Beispiel um ehrenamtliche Richtertätigkeiten wie etwa das Schöffengericht geht, muss der Arbeitgeber seinen Mitarbeiter gehen lassen. heute.de: Wann erkennt man, dass man seine Grenzen erreicht hat, dass das Ehrenamt zum Vollzeitjob wurde? Winkler: Das Grundmotiv des Ehrenamts ist ja der Spaß. Man fühlt sich wohl, weil man helfen kann. Das Ehrenamt hat letztlich auch etwas mit persönlicher Befriedigung zu tun. Wenn man merkt, dass man keinen Spaß mehr hat, dann sollte man besser aufhören. Es ist wichtig, seine Kräfte einzuteilen und immer darauf zu achten, dass man Zeit für sich hat. Denn es kann durchaus passieren, dass man zum Vereinshansel wird, so dass man auch andere Bereiche stärker vernachlässigt. Und das ist in der Regel nicht der Beruf.

Das Interview führte Julia Lösch

© ZDF 2011