Elektromobilität in Mecklenburg-Vorpommern

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Elektromobilität in Mecklenburg-Vorpommern
Autor Udo Onnen-Weber
Tagung/Veranstaltung Bund-Länder Tagung der Gemeinsamen Geschftsstelle Elektromobilität der Bundesrepublik Deutschland
Ort Berlin
am 10. September 2010
Review
Titel Proceedings
Autor Proceedings
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Erscheinungsjahr

Das Bundesland Mecklenburg-Vor-pommern ist im Kanon der Bundesländer sicher nicht als In-dustrieland - geschweige denn als Autoindustrieland - zu bewerten. Es wird wegen fehlender urbaner Großräume auch sicherlich keinen großartigen Beitrag zu dem leisten können, was wir als die wichtigsten Mobilitätsfragen der Zukunft definieren.

Aber meine Damen und Herren: Für einen nicht unbedeutenden Aspekt der mobilen Entwicklung Deutschlands sind wir das Sandkasten-Land.

Wenn ich die Potentiale und Alleinstellungsmerkmale von Mecklenburg-Vorpommern betrachte, dann sehe ich unser Land prädestiniert für Modelle und Untersuchungen zu Mobilitätslösungen, die sich originär mit peripheren Räumen befassen.

Und die damit Problemlagen bearbeiten, die auch andere Regionen Deutschlands betreffen oder in Zukunft betreffen werden.

Wenn ich dies noch verknüpfe mit unserem hohen Anteil ökologischer Schutzräume und den An-forderungen touristischen Verkehrs, dann bin ich bei niedrigschwelligen Elektromobilitätlösungen, die für die Belange des ländlichen Raums sehr effektiv sind.

Mit niedrigschwellig meine ich die sanfte, zwei- und dreirädrige Elektromobilität für den Alltags-verkehr in peripheren ländlichen Räumen und für den Freizeitverkehr in touristischen Hochbur-gen.

Meine Damen und Herren, Ich zeige Ihnen schnell einmal ein paar Indizes zu Mecklenburg-Vorpommern:

Das helle, blaue auf der Karte zeigt ländliche Räume geringer Dichte in Deutschland. Das sind Bereiche mit wenig Einwohnern, mit weiten Strecken, kleinen Dörfern und viel Luft zum Leben. Das ist einerseits hoch romantisch, Rückzugsraum für die Träume müder Städter, Besuchsmagnet für Touristen. Andererseits bringt es aber auch eine Menge an Problemen für die Sicherstellung dessen mit sich, was wir Daseinsvorsorge nennen.

Die Karte zeigt:

Mecklenburg-Vorpommern ist das einzige Bundesland, das fast ausschließlich aus Räumen geringer Dichte besteht.

Was passiert in diesen Räumen?

Die Bevölkerung unseres Bundeslands schrumpft überproportional: Die Anzahl der Einwohner wird bis 2030 um 25 % von derzeit 1.7 Mio. auf ca. 1,3 Mio. abnehmen.

Und von dieser Bevölkerung wird dann fast die Hälfte über 60 Jahre alt sein.

Das bedeutet, noch mehr Probleme mit der Daseinsvorsorge.

Mecklenburg-Vorpommern hat jetzt die demografische Entwicklung, die zukünftig ganz Deutsch-land betrifft.

Die Ökonomie unseres Landes ist geprägt von kleinen und kleinsten KMUs. Mecklenburg-Vorpommern ist bekannt für seine vielfältigen Produkte in der Nahrungsmittelindustrie. Maschinenbau haben wir wenig, Automobilzuliefer-industrie ist kaum vorhanden, ein paar Windanlagenhersteller gehören schon zu den Großen. Unser größter Schmerz: die Werften kriseln, die maritime Produktion steht auf der Kippe.

Wichtigster Wirtschaftszweig im Land ist die Dienstleistung und da vor allem der Tourismus in all seinen Facetten. Der ist alles in allem ein eigenständig funktionierender und prosperierender Dienstleistungssektor, der langsam auch in den Forschungs- und Entwicklungshorizont der Universitäten und Hochschulen gerät

Bei allen Nachteilen solcher Klein- und Kleinststruktur können wir dennoch konstatieren, dass hier eine immense Flexibilität entstanden ist. Ausserdem ist der hohe Zwang sich technologisch miteinander zu vernetzten ungemein produktiv. Das hat eine große Innovationskraft im Kleinen geschaffen.

Und damit fallen wir zwar wenig auf, produzieren aber Lösungen, für die andere das Umfeld so gar nicht haben.

Mecklenburg-Vorpommern hat ein Tradition als Impulsgeber für besondere Lösungen.

Infas bezeichnete unser Land in seiner Studie „Mobilität in Deutschland“ als Fahrradland. Trotz der weiten Wege fährt in Mecklenburg-Vorpommern jeder dritte Einwohner täglich und jeder zweite regelmäßig Fahrrad.

Lassen Sie sich das einmal auf der Zunge zergehen: in einem Flächenland fahren die Menschen mit dem Rad durchschnittlich 4 km, jeder fünfte Weg zur Arbeit wird geradelt und die Wegedauer darf auch eine halbe Stunde sein.

Und selbst bei den Alten liegen die Nutzungswerte von Fahrrad in Mecklenburg-Vorpommern um etwa zehn Prozentpunkte über dem Bundesdurchschnitt.

Das Fahrrad ist damit für uns ein wichtiger, weil akzeptierter und von vielen genutzter Verkehrs-träger. Mecklenburg-Vorpommern ist Fahrradland.

Viel Fahrradverkehr, wenig ÖPNV in Mecklenburg-Vorpommern. In der unterdurchschnittlichen Nutzung von Bus und Bahn erkennt man, dass das Land Mecklenburg-Vorpommern Daseinsvorsorge im Bereich Mobilität nur noch reduziert gewährleistet und zukünftig noch mehr Probleme damit bekommt. Unser Land hat zu wenig Ressourcen, um weiter mit traditionellen Maßnahmen die Lösung für bessere öffentliche Alltags- und Freizeitmobilität zu gewährleisten: Mehr Anbindungen im öffentlichen Nahverkehr und Ausbau der Straßen sind für uns kaum geeignete Lösungen

Wir brauchen Alternativen.

Mecklenburg-Vorpommern ist: E=mv2

Wir interpretieren diese Formel so: Elektromobilität potenziert die Kräfte im Lande.

In diesem Sinne greift eine von uns begonnene Vorstudie zu einem Modellvorhaben zur Intermo-dalität im ÖPNV zwischen Elektrofahrrad und Elektrobus als neue Bedienform im ländlichen Raum.

Derzeit muss der noch vorhandene ÖPNV überall hinfahren. In jedes kleine Dorf. Das ist in dünnbesiedelten Räumen kaum finanzierbar.

Wir wissen, dass es durchaus erfolgreiche Modelle für ÖPNV Ersatzverkehr gibt. Die greifen nur alle an gut funktionierenden sozialen Strukturen an, die es in den entsiedelten ländlichen Räumen mangels Menschenmasse kaum noch gibt. Wir sehen einen anderen Weg in Mecklenburg-Vorpommern:

Wir meinen, dass es in der Regel vernünftiger ist, den Bus nur auf den großen und mittelgroßen Magistralen in einer höheren Taktfrequenz fahren zu lassen.

Um das zu erreichen, müssen die Kunden auch größere Strecken als bisher zu den Bushaltestecken überwinden können. Wir gehen von 12 Minuten Streckenzeit zur Haltestelle aus. Ein Fußgänger schafft in der Zeit 1 km, ein Fahrrad 2,5 km, ein Elektrofahrrad 4 km.

Anders: wenn wir es schaffen, ein Elektrofahrrad als Zubringer zu den Transitstrecken im ÖPNV zu etablieren, haben wir einen Durchmesser von 8 km um die Haltestellen und einen Einzugsbereich von 50 qkm. Das reduziert die Anzahl der Strecken um das 4 und mehrfache und ermöglicht so eine Taktfrequenz bei der man wieder von funktionierendem und attraktivem ÖPNV reden kann.

Wir haben Hochschulen, Busunternehmen, Stadtwerke, Consulter, Ingenieurbüros und Hand-werksbetriebe der Region mit dem Landesverkehrs- und dem Wirtschaftsministerium sowie den Landkreise vernetzt, um ab 2011 einen Modellversuch durchführen zu können, bei dem Elektro-fahrräder und Elektrobusse intermodal miteinander verkehren. Wir wollen die Akzeptanz dieses Modells, die Kosten, alle Managementoptionen für den Zubringer, den Sinn von Fahrradmitnahmebussen und die Gestaltung von Fahrradgaragen an den Haltestellen usw. usw. untersuchen.

Unsere These ist: eine solche Art von Intermodalität bietet eine für den Staat und die Bürger be-zahlbare Ergänzung zum herkömmlichen ÖPNV und die Chance der Teilhabe an Mobilität auch für periphere ländliche Regionen.

Mecklenburg-Vorpommern verfolgt mit Interesse die Leistung der Gemeinsamen Geschäftsstelle Elektromobilität und die Arbeit in den Modellregionen.

Wir setzen aber in der für unser Land heute notwendigen Arbeit auf das jetzt und heute bereits massentaugliche und im Markt eingeführte Elektrofahrrad.

Wir können dabei auf Ergebnisse von Bundesprojekten in unserem Land zum demografischen Wandel und zu Fahrradverleihmodellen zurück greifen.

Ein wichtiger Aspekt der Elektromobilität in Mecklenburg-Vorpommern zielt auf den Freizeitver-kehr. Mecklenburg-Vorpommern hat einen Küstensaum von 10 km Breite, der einen der entwick-lungsfähigsten Fremdenverkehrsräume Nordeuropas beinhaltet, mit schönen Stränden, einer gut ausgebauten Infrastruktur und meist glücklichen Gästen.

Im Sommer aber entstehen durch eine hohe temporäre Bevölkerungsdichte in den Badeorten und vor allem auch auf den Zufahrtstraßen extreme Belastungen.

Ein Tourismusland, das mit der unberührten Landschaft wirbt, kann ein solches Verkehrsproblem nicht dulden. Wir müssen den Verkehr – auch ins Hinterland - verändern.

Der eben skizzierte Modellversuch soll auch Lösungen für die Tourismusorte in Mecklenburg-Vorpommern aufzeigen. Wir wollen den innerörtlichen Verkehr durch Elektroshuttles und Elektrofahrräder substituieren und den Verkehr ins Hinterland mit unserem neuen, hochgetakteten ÖPNV realisieren.

Das Problem ist nicht in erster Linie ein technisches. Es ist ein Akzeptanzproblem beim Touris-musgewerbe. Das hat Angst, dass Badegäste Veränderungen als Zumutungen erleben könnten. Unser Ansatz ist daher, einfach umzusetzende und reversible Strategien einzuführen, zu kommunizieren und zu evaluieren und Schritt für Schritt das Konzept weiterzuführen.

Wichtig dabei ist die Etablierung Mecklenburg-Vorpommerns als Elektrofahrrad-Mietregion, damit ausreichend Elektrofahrräder zur kostengünstigen Anmietung zur Verfügung stehen.

Alles in allem: Diese Art von Elektromobilität ist eine Perspektive für unser Land.

Ich sage nicht, dass dies die einzige Perspektive für Mobilität ist, aber sie passt in die Kultur und deckt wesentliche Bedarfe unseres Landes.

Mein Ziel war es, Ihre Blicke auf etwas zu werfen, was im ersten Augenblick unattraktiv, unspan-nend, nach „Na, ja“ klingt.

Was dann aber bei näherer Betrachtung so viele Facetten hat, dass es vielleicht sogar ein wichtiger Teil der Lösung der Mobilitätsprobleme von uns allen werden kann.

Denn schauen Sie sich diese Karte einmal an: 2050 wird es auch in anderen Bundesländern weit mehr periphere ländliche Räume geben.