Kleidung und Inszenierung. Impressionen aus Videokonferenzen

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Kleidung und Inszenierung. Impressionen aus Videokonferenzen
Autor Joachim Winkler
Tagung/Veranstaltung Bundesdekanekonferenz Wirtschaftswissenschaften – online (Videokonferenz) HAWs – Vor Corona – Mit Corona – Nach Corona, Teilthema Operation Digitalisierung. Tücken, Erfahrungen, Erfolge am 19.5.2021
Ort Online (MS Teams Hochschule Wismar)
vom 19. Mai 2021 bis 19. Mai 2021
Review
Titel Proceedings
Autor Proceedings
Verlag
Erscheinungsjahr 2021

Kleidung und Inszenierung. Impressionen aus Videokonferenzen

Das Format Videokonferenz oder, wie viele sagen, die Videoschalte verändert vieles. Sie verhindert nicht nur mögliche infektiöse Kontakte, sie spart Zeit, ist schnell einberufen; sie ist in gewisser Weise bequem. Von der Dusche an die Webcam. Aber was passiert im Übergang von der Präsenz zum Virtuellen? Erst einmal nichts Neues: Man konferiert, tauscht Argumente aus, entscheidet, man befindet sich ja im gleichen Raum, im virtuellem. Aber, was viele wohl vergessen haben, die Teilnehmer am virtuellem Raum befinden sich faktisch in ihren eigenen Räumen und die sind immer häufiger nicht die Büroräume sondern der eigene private Wohnraum (home office). In öffentlichen und privaten Räumen gelten unterschiedliche Regeln. Viele vergessen dabei, dass der virtuelle Raum ein öffentlicher ist. Man sieht häufiger, dass die Trennung zwischen öffentlichen und privaten Raum nicht vollzogen wird. Regeln des privaten Raums übertragen sich in den öffentlich-virtuellen, weil der Bann der Häuslichkeit stärker scheint als öffentliche Etikette. Beobachten kann man dies in den Videokonferenzen an den Auftritten der Beteiligten. Vergleicht man seine Erfahrungen auf präsenten Konferenzen mit denen in virtuellen, sind Veränderungen erkennbar. Im Virtuellen geht es lockerer zu: Die Haare sind weniger bearbeitet, dies sei der Schließung der Frisörsalons geschuldet, Drei-Tage-Bärte werden häufiger und viele greifen sich häufiger ins Gesicht, Multitasking wird erkennbar (der liest doch gerade seine e-mails). Die Inszenierung des Auftritts wird schludrig. Es reicht nicht mehr die Aura des persönlichen Auftritts. Das Zimmer ist nicht ausgeleuchtet, die Kamera hängt schief oder schaut ins Gegenlicht, wenn überhaupt eine benutzt wird, Teile der Inneneinrichtung sind sichtbar und lässt Schlüsse auf Geschmäcker zu. Hintergrundbilder suggerieren Weltläufigkeit, einer steht auf einer Südseeinsel oder auf der Insel Poel, andere im Wald und weitere sitzen ohne Hintergrund vor entsetzlichen Tapeten. Andere wiederum verbreiten Nachrichten und Botschaften der unterschiedlichsten Art, nutzen den virtuellen Raum als Werbefläche, wie im apré match in der Fußballbundesliga. Viele verbleiben in der Freizeitkleidung, manche in Sportbekleidung. Ich habe alles schon gesehen. Meine Frau Brigitte spricht mich nach einer Videokonferenz an: Du sitzt da im weißen Hemd und blauem Jackett (Krawatten spielen auch bei Soeder und Laschet keine Rolle mehr) vor der Webcam und trägst darunter Blue Jeans und Reisepantoffeln, wie wirkt das auf Dich? Du verlässt Deine Privatheit nicht wirklich und bewegst Dich nur halbherzig im öffentlichen Raum. Seitdem trage ich Businesskleidung und Straßenschuhe auch im Arbeitszimmer bei Videokonferenzen. Ich recherchiere im Internet nach Videokonferenzen und Kleidung und werde fündig – en masse. Da gibt es offensichtlich ein Problem und viele Lösungsvorschläge. Das Modemagazin Vogue vorneweg. Das Internet ist voll mit Ratschlägen. Es reicht nicht mehr die narzisstische Überheblichkeit zur eigenen Erscheinung, das Virtuelle hat andere und eigene Regeln: Videokonferenzen verlangen nach Inszenierungen und dazu braucht man hervorragende Technik und professionelle Vorbereitung, beides fehlte in der Corona-Krise. Die Ratschläge der Modezeitschrift Vogue im März 2020 lauteten: - Richtige Beleuchtung (Lichtquelle hinter der Kamera, kein Gegenlicht, Kamera auf Augenhöhe) - Dresscode: so schlicht wie möglich, Pastell-Töne oder neutrale Farben, keine Streifen und keine animal prints) - Nicht zu leger werden (kein Jogginganzug) - Schmuck dezent und lautlos - Hintergrund bitte neutral. Vermehrt werden im Internet Coachings angeboten. Es scheint sich ein neues Beratungsfeld zu entwickeln: Der Bedarf ist da.