Pflichtdienst für Jugendliche

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Pflichtdienst für Jugendliche
Autor Joachim Winkler
Art Interview
Erscheinungsjahr 2010
Verlag swr2aktuell am 26.8. 2010
Hyperlink http://www.swr.de/contra/-/id=7612/nid=7612/did=6816034/16qaepf/index.html
Reihe

Pflichtdienst für Jugendliche. Ein Interview

Die allgemeine Wehrpflicht für junge Männer steht auf dem Prüfstand und die Debatte darüber, wie ein Dienst bei der Bundeswehr künftig aussieht, bestimmt auch heute wieder die politische Diskussion. Denn sollte die Wehrpflicht ausgesetzt werden, wäre auch der Zivildienst passe….

Andrea Beer: Professor Joachim Winkler ist Soziologe an der Hochschule Wismar und beschäftigt sich dort mit freiwilliger Arbeit und jungen Menschen und Ehrenamt. Mal abgesehen von verfassungsrechtlichen Bedenken, was halten sie denn von dem Vorschlag, jungen Menschen zur sozialen Arbeit zu verpflichten?

Joachim Winkler: Ich bin kein Freund dieser Idee aus dem einfachen Grund weil es ja darum geht, bürgerliches Engagement zu betreiben, und das sollte nicht auf ein Jahr beschränkt sein, sondern es sollte ein lebenslanges Engagement werden. Ich befürchte, wenn Jugendliche gezwungen werden „freiwillig“ im sozialen Bereich tätig zu sein, dass sie dann sagen, das eine Jahr reicht mir und später dann nicht mehr im Ehrenamt tätig sein werden. Man muss vielleicht auch wissen, die Jugendlichen sind ja ehrenamtlich tätig oder freiwillig tätig. Der Anteil der Jugendlichen, die sich engagieren, ist größer als der bei über 60jährigen. D.h., das jugendliche Engagement wird in der Öffentlichkeit deutlich unterschätzt. Da entstehen Legenden, die man endlich auch einmal ausräumen müsste und das Engagement der Jugendlichen würdigen.

A.B.: Wird denn aus ihrer Sicht diese Arbeit, diese ehrenamtliche Arbeit und freiwillige Arbeit der Jugendlichen von staatlicher Seite genügend unterstützt?

J.W.: Nein. Das läuft alles im Bereich der Vereine ab, dort spielt sich das ab. Die Jugendlichen werden von Erwachsenen rekrutiert. Sie wachsen hinein und bleiben dann in der Regel auch in der ehrenamtlichen Tätigkeit, wenn sie dann später alter sind, älter als 24 z. B.

A.B.: Es geht ja hier um die Zukunft der Wehrpflicht und eben auch des Zivildienstes. Und diese Vorschläge von Herrn Koch und Herrn Müller, jetzt aktuell die von heute in der Zeitung, die sind ja deswegen gemacht worden, weil man Leute braucht, die dies Tätigkeiten von Zivildienstleistenden ersetzen könnten. Es gibt ja viele Jugendliche, die sich engagieren, haben sie gerade gesagt, aber wollen ja vielleicht gar nicht unbedingt ins Altersheim und Zivis ersetzen, sondern lieber Seehunde retten. Kann man das als Staat überhaupt lenken, wo sich Jugendliche engagieren?

J.W.: Nein. Das kann man nicht lenken. Das hängt mit der Motivstruktur der Jugendlichen zusammen, die haben das Ziel also ihren Erfahrungshorizont zu erweitern. Sie suchen soziale Kontakte und natürlich Spaß, das sind so einige der Motive. Man kann das nicht verordnen. Man sollte sich auch vorstellen: Pflicht ist ja auch ein anderes Wort für Zwang. Wenn man also zwangsweise Leute, die eigentlich nicht dazu motiviert sind, sozial tätig werden lässt, dann befürchte ich, dass eher Schaden entsteht als Hilfe. Man sollte da sehr vorsichtig sein. Man sollte das unterstützen, man sollte Anreize schaffen, aber Anreize für die Freiwilligkeit. Also man sollte von staatlicher Seite sich überlegen, was können wir tun, damit die Leute tatsächlich das Potential von Ehrenamtlichkeit, was sie haben, auch tatsächlich einsetzen. Das wäre mein Vorschlag.

A.B.: Wie könnte so ein Anreiz für Freiwilligkeit denn aussehen aus ihrer Sicht?

J.W.: Das könnte sein, dass man auch anerkennt, etwa bei Bewerbungen, bei Ähnlichem, dass man also nachweisen kann, man hat eine bestimmte ehrenamtliche Tätigkeit, eine freiwillige Tätigkeit, dass das auch gutiert wird. Vielleicht ist ihnen bekannt: Sie finden in Amerika keine Bewerbungen von jungen Leuten, oder generell von Berufstätigen, wo nicht enthalten ist, welche freiwilligen, ehrenamtlichen Tätigkeiten sie durchgeführt haben.

A.B.: Es gibt ja auch verfassungsrechtliche Bedenken, wenn junge Menschen oder auch ältere Menschen, jetzt egal wer zu Diensten in irgendeiner Form verpflichtet werden sollen, wie schwer wiegt dies aus Ihrer Sicht?

J.W.: Ja, ich meine, wir sind ein demokratischer Staat und die Bürger sollen ja Dinge freiwillig tun und jede Form von Zwang führt letztlich dazu, dass ansatzweise Verweigerungshaltungen sich entwickeln.

A.B.: Danke an den Soziologen Joachim Winkler von der Hochschule Wismar.