Was Soziologen wissen und was man von ihnen lernen kann (Vortrag)

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Was Soziologen wissen und was man von ihnen lernen kann (Vortrag)
Autor Joachim Winkler
Tagung/Veranstaltung Abschiedsvorlesung am 20.Juni 2017, Hochschule Wismar Hörsaal 1/201
Ort Wismar
am 20. Juni 2017
Review
Titel Proceedings
Autor Proceedings
Verlag
Erscheinungsjahr 2017

Prof. Dr. Joachim Winkler, Abschiedsvorlesung am 20. Juni 2017, Hauptgebäude Hörsaal 201:

Was Soziologen wissen und was man von ihnen lernen kann

Der Titel meiner heutigen Vorlesung (und ich habe sie als Abschiedsvorlesung deklariert) ist ein Zitat eines Buchtitels, nur dass der zitierte Autor ein Philosoph ist und statt Soziologie Philosophie meinte. Er beginnt seine Einleitung mit dem Satz „Philosophie ist eine Kultur der Nachdenklichkeit.“ (Schnädelbach 2012, S.7)

Nachdenken heißt Fragen stellen und die Soziologie hat eine Menge davon: Warum handeln Menschen so, wie sie handeln? Warum reagieren Menschen auf das Handeln anderer, so wie sie reagieren? Warum ist Handeln und „Gegenhandeln“ abschätzbar, vorhersehbar? Welche Strukturen bilden sich durch das Handeln von Menschen? Warum bilden sich Gruppen, Organisationen und Institutionen? Wie wirken soziale Strukturen auf die handelnden Menschen? Wie entwickeln sich Gesellschaften?

Im Unterschied zur Philosophie möchte die Soziologie die Ergebnisse ihres Nachdenkens nicht nur postulieren sondern, mit neidischen Blick auf die Naturwissenschaften, auch empirisch belegen und das heißt erst einmal, empirisch überprüfen mit der Gefahr, dass diese der Überprüfung nicht standhalten, was weiteres Nachdenken verursacht.

Kommt man aber zu bewährten Aussagen, kommt man zu Erklärungen, heißt dies, man kann auch prognostizieren. Es wird möglich auf Grund dessen, Wissen zu generieren, das einem im Alltag unserer sozialen Existenz hilft, soziale Situationen zu erkennen und zu meistern.

Die Ostseezeitung berichtete im Februar dieses Jahres (2017) über eine Studentin der Nautik in Warnemünde. Ihr erstes Praktikum absolvierte sie auf einem Kreuzfahrtschiff (Grand Lady), das Zweite startet sie auf einem Containerschiff, hier besteht die Crew lediglich aus 15 Personen (auf Kreuzfahrtschiffen sind es Hunderte). Zitat: „Es kann gut sein, dass das nur Männer sein werden oder dass ich die einzige Deutschsprachige bin…Aber das wird bestimmt kein Problem.“

Sie verweist darauf, dass sie im Studium auch SOZIOLOGIE und Notfallmanagement studiert hat. Ihr wurden Menschenkenntnis und Kenntnis kultureller Unterschiede beigebracht.

Ich darf vorsichtig darauf hinweisen, dass ich Soziologie am Bereich Seefahrt gelehrt habe und alle Erstsemester durch meine Vorlesung als Pflichtveranstaltung mussten – so auch Frau B., die zitierte Nautikerin, sowie es die Internationale Seefahrtausbildung weltweit vorschreibt.

Um die Wirksamkeit des Sozialen auf uns als Individuen zu veranschaulichen, habe ich meine Soziologievorlesungen auch hier an unserer Fakultät mit zugegebenermaßen krassen Daten begonnen, die ich aus meiner vorherigen Tätigkeit als Epidemiologe selbst berechnet und mitgebracht hatte. Es handelt sich um Mortalitätsdaten. Es zeigte sich, dass Jungs und junge Männer deutlich öfter an Verletzungen, Verkehrsunfälle, durch Selbstmord und durch Herzinfarkt umkommen als Mädchen und junge Frauen. Dies ist verhaltensbedingt und im Verhalten zeigen sich geschlechtsspezifische Differenzen und das hat weniger mit Biologie oder Medizin zu tun, sondern mit dem Sozialen (Winkler 2000).

Die Studenten waren verunsichert und das in einer männerdominierten Welt der Seefahrt; die Studentinnen sind immer noch deutlich in der Minderheit. Der Bereichsleiter Seefahrt, Herr Kollege Wehner, vertraute mir in einem Mittagstischgespräch an, er hätte das Gefühl, die Studenten seien irgendwie ruhiger und gelassener nach dem ersten Semester. Soziologische Kenntnisse und soziale Kognition schienen zu einer „Befriedung“ des Bereiches Seefahrt zu führen.

Aus der Vielzahl der Gegenstände möchte ich nur einige wenige ansprechen und die Auswahl ist bewusst gesteuert durch die eigene Vorliebe zu drei Soziologen: Max Weber, Norbert Elias und Pierre Bourdieu. Sie müssen sie nicht kennen, aber ich wollte die Namen erst einmal einfach nennen.

Wir handeln, um etwas zu erreichen; wie verfolgen Ziele; wir suchen Nutzen, unsere Antriebe sind unsere Interessen. Allerdings stoßen wir dabei immer wieder auf ein Problem: Wir sind nicht allein und die Erreichung unserer Ziele hängt auch vom Handeln anderer ab, von den Nutzenkalkülen anderer. Handlungen von Menschen sind aufeinander bezogen und generieren Folgen. Auf der einen Seite haben wir die Intentionen der Einzelnen, auf der anderen Seite sind die Ergebnisse der Handlungen oft nicht identisch mit den Intentionen der an der Interaktion Beteiligten.

Nach der Wende 1989 und der Vereinigung 1990 entscheiden sich viele Frauen, Männer bzw. Paare in den neuen Bundesländern auf Nachwuchs vorerst zu verzichten. 1991 bricht die Zahl der Geburten dramatisch ein; nur noch 40% der Geburten des Vorjahres wird erreicht. Dieses Handeln, denn auch unterlassen ist handeln (ebenso wie dulden), so Max Weber, führt zu einer eklatanten Verschiebung der Bevölkerungsstruktur. Die private, intime Entscheidung von Einzelnen hat Folgen. Wir können nicht davon ausgehen, dass die Frauen in den neuen Bundesländern damals über facebook oder whatsapp einen kollektiven Geburtenstreik organisiert haben, sie unterlassen einfach, haben aber für sich jeweils gute Gründe. Der Geburtenrückgang nach der Wende ist größer als der nach dem 1. oder dem 2. Weltkrieg. Bei letzterem ist die Erklärung einfach: die Männer sind nicht zu Hause. Individuelle Entscheidungen führen zu kollektiven Effekten.

Die Entscheidungen sind offensichtlich auch beeinflusst durch übergreifende soziale Gegebenheiten und Situationen. Die Interpretation der eigenen Interessen hängt ab von Werten, die außerhalb des Individuums liegen. Eine bittere Erfahrung für Personen, die auf ihre Individualität pochen und in ihrem narzisstischen Alleinvertretungsanspruch die Grundlage ihrer Persönlichkeit sehen. Die ist dann manchmal recht hohl. Die Folgen des Geburtenrückganges: 7000 Kinderärzte (meist Frauen) werden nicht mehr gebraucht, Schließung von Grundschulen und weiterführenden Schulen. Die Hochschulen verlieren Studierende und nur die steigenden Abiturientenzahlen und steigende Studierbereitschaft rettet die Hochschulen vor Verlusten. Der Beschäftigungsmarkt wird entlastet. Sinkende Nachfrage nach Lehrstellen. Fachkräftemangel. Soziales Handeln verändert Strukturen: Der zentrale Beleg ist die Wende in der DDR. Kein Beteiligter hat zu Beginn der dramatischen Entwicklung an Wiedervereinigung gedacht, weder die, die Republik verließen, weder die, die auf die Straße gingen, noch die von der Entwicklung betroffenen Regierungen. Aus dem „Wir sind das Volk“ wurde „wir sind ein Volk“, ein nicht geringer Teil in Westdeutschland meinte daraufhin, wir auch, was dann allerdings marginal blieb. Was geschah, kann man mit Max Weber einfach erklären: Strukturen sind auch Machtverhältnisse. Diese sind nur von relativer Dauer, wenn dies von den Beteiligten akzeptiert wird. Die Beherrschten müssen bereit sein, sich beherrschen zu lassen und die Herrscher brauchen eine Legitimation. Geht diese verloren, geht auch die Macht verloren. Dies gilt für politische Systeme, für Religionen bis hin zu lokalen Eliten und familiären und persönlichen Beziehungsgeflechten.

Aber verlassen wir die historischen Großereignisse, in denen es zu gewaltigen Machtverschiebungen kommen kann und wenden wir uns dem Alltag zu.

Unser soziales Leben findet nicht in DER Gesellschaft statt, sondern in aufeinander folgenden Situationen. Einige von Ihnen besuchten eine Lehrveranstaltung, einige führten eine durch, andere kommen aus Beratungen und Sitzungen, andere aus Verkehrsmitteln, um nun in der Abschiedsvorlesung eines ergrauten Professors zu sitzen, eine eher seltene Situation. In dieser Situation geschieht Kommunikation und diese hat Regeln, die wir befolgen. An sie werden bestimmte Erwartungen geknüpft, bestimmte Handlungserwartungen. Die werden aber hier im Raum nicht verhandelt und ergeben sich aus dem, was wir gelernt und verinnerlicht haben. Sie sind uns selbstverständlich geworden. Und das ist das Phänomen des Sozialen: Gesellschaftliche Zwänge werden zu eigenen Präferenzen.

Unsere Abhängigkeiten von gesellschaftlichen Entwicklungen lassen sich an scheinbar banalen Tätigkeiten des Alltages erkennen, z. B. dem Essen. Wir essen in der Regel mit Messer und Gabel. Das haben wir nicht immer gemacht: die Finger und das Messer vom Hosenbund taten diesen Dienst. Allerdings veränderte sich unser Affekthaushalte (Wir haben andere Grenzen von Ekel, Scham und Angst). Alle Finger in einem Topf? Und was ist mit der Hygiene? Das Messer mit dem auch das Kaninchen geschlachtet wurde auf dem Tisch? Waffen auf dem Tisch? (vgl. hierzu das Kapitel: Über den Gebrauch des Messers beim Essen in Elias 1978, Band 1, S. 164ff.)

In unserem Affekthaushalt wurden Waffen tabuisiert. Das scharfe Messer verschwand vom Tisch, es erzeugt Unbehagen. Heute wird es wohl kaum noch eine Familie geben, in der an Sonn- oder Feiertagen ein Tranchiermesser, es kann bis zu 30 cm lang sein und ist scharf, benutzt wird. Zudem möchten heute viele Menschen kein komplettes Tier (Huhn, Kaninchen, Hase, Truthahn) auf der Tafel sehen. Das Messer am Tisch heute ist „kultiviert“, reduziert, hat keine Spitze mehr und ist nicht mehr für Verletzungen geeignet. Die Verbannung des Messers (als ursprüngliche Waffe) ist in den asiatischen Kulturen am weitesten gegangen. Die Speisen werden in der Küche soweit zerlegt, dass man zu Tisch kein Messer mehr braucht. Zur verlängerten Hand werden in den asiatischen Ländern die Stäbchen: die Entmilitarisierung des Essens. Und der höhere Stand der Zivilisation. Die Veränderungen des Affekthaushaltes geht einher mit Persönlichkeitsveränderungen, die mit gesellschaftlichen Veränderungen korrespondieren, wie Norbert Elias eindrucksvoll in seinem Werk „Über den Prozess der Zivilisation“ (Frankfurt1978) herausarbeitet.

In unseren Kulturen ist die Gabel die verlängerte Hand, unterstützt allerdings immer noch mit einem (stumpfen) Messer. Eine Ausnahme: Das Steakmesser für blutiges bzw. nicht durchgebratenes Fleisch, bevorzugt besonders von Männern.

Und nun haben wir auch eine Erklärung für den Erfolg von McDonalds: Dort darf man wieder mit Fingern essen: für Kinder ist dies eine kurzzeitige Befreiung von der Erziehung zu anständigen Esssitten und für die Erwachsenen ein atavistisches Glücksgefühl, oder haben sie schon jemanden einen kompletten Hamburger mit Messer und Gabeln essen sehn.

Das Beispiel Essen bringt uns auch soziologisch weiter, wenn wir die Frage stellen, was wir essen. Das hat mit unserem Geschmack zu tun und der scheint individualistisch. Oder? Warum mögen viele unter ihnen keine Austern, obwohl sie sie nie probiert haben. I gitt. Warum essen Sie kein Pferdefleisch, keine Innereien?

Wir lernen in unserer Erziehung in Familie und Schule den Umgang mit den Gütern des Alltags; nur die Güter werden nicht rein funktional bewertet (macht satt) sondern erfahren eine Symbolisierung (schmeckt gut, ist besonders wertvoll). Die symbolische Bewertung ist aber abhängig von der sozialen Position unserer Familie, die bestimmt wird durch die ökonomischen Möglichkeiten, die kognitiven Kompetenzen und durch sozialisierende Einflüsse, die einen Einfluss auf unsere Präferenzen, Dispositionen, Einstellungen, Körperbilder und Geschmäcker haben. Wir bilden einen Habitus aus, einen spezifischen Umgang mit den Gütern, der sich in unserem Lebensstil niederschlägt. Der Habitus und der Lebensstil unterscheiden sich je nach sozialer Herkunft und Lage. Wir setzen ihn ein, um unsere Zugehörigkeit zu einer sozialen Position zu demonstrieren, zugleich grenzen wir uns von anderen ab.

Pierre Bourdieu nennt dies Distinktion (1982), man nimmt Güter, macht sie knapp und wertvoll und definiert ihre besondere kulturelle Wertigkeit. Dies gelingt vor allem den höheren sozialen Schichten. Der Habitus ist Produkt der Erziehung, so kommt Gesellschaft in unsere Köpfe und auch das Bewusstsein für die Disparitäten und Diversitäten unserer Gesellschaft.

Die Wirkungskraft des Habitus kann man vielleicht durch ein kleines Experiment verdeutlichen und zwar ziele ich auf unseren Umgang mit dem Körper, unser Körperbild. Wenn ich nun eine Frage an die Männer unter uns stelle, werden Sie hautnah spüren, was ich meine.


Warum treiben Sie keine rhythmische Sportgymnastik? Warum meiden sie das Synchronschwimmen?


Nachdem ich nun versucht habe, an unserer Vorstellung von Individualität zu kratzen und aus dem ego ein alter-ego zu machen, wende ich mich nun einer zweiten Säule der alma mater zu, der Rationalität. Die Geschichte eines Professors der New Yorker Columbia Universität kann uns dabei helfen. „Er bekam ein Angebot von einer rivalisierenden Universität (aus Harvard, d. A.), und wusste nicht, ob er gehen oder doch bleiben sollte. Ein Kollege nahm ihn beiseite und sagte: ´Was ist denn Dein Problem? Mach doch das, was Du immer schreibst in Deinen Büchern (über Entscheidungstheorie, d.A.) nämlich berechne Deinen erwarteten Nutzen´ (…) Und erschöpft antwortet der Professor: ´Common, das ist Ernst jetzt! Da hilft die Algebra nicht weiter.“ (SWF2)

Sportler und Musiker die Spitzenleistungen erbringen, haben Fertigkeiten entwickelt, Entscheidungen zu treffen, über die vorher nicht mehr nachzudenken ist. Um es überspitzt mit Gerd Gigerenzer, Experte der Bauchgefühle und Direktor des Max Planck Institutes für Bildungsforschung in Berlin auszudrücken.

„Lass das Denken, wenn du geübt bist“. (Gerd Gigerenzer 2007, S. 45)

Machen Sie den Test von Herrn Gigerenzer (a.a.O. S.46f): „Fragen Sie Ihren Tennispartner beim Seitenwechsel, wie er es anstellt, dass seine Vorhand heute so vorzüglich ist.“ Er wird mit hoher Wahrscheinlichkeit über seine Vorhand nachdenken und dadurch die „traumhafte Sicherheit seiner Vorhand“ (ebd.) verlieren.

Die Intuition ist hiermit angesprochen, die „Intelligenz des Unbewussten“ (a.a.O., S. 27), die in vielen Situationen zu besseren Ergebnissen führt als die rationale Verarbeitung von einem hohen Maß an Informationen. Die Intuition (oder auch Bauchgefühl oder Ahnung) folgt Faustregeln, die man auf Grund von Erfahrungen verinnerlicht hat. Und diese Erfahrungen müssen Sie aufbauen. Die Intuition ist ein Urteil: 1. „Das rasch im Bewusstsein auftaucht, 2. Dessen tiefere Gründe uns nicht ganz bewusst sind und 3. Das stark genug ist, um danach zu handeln“ (a.a.O. S. 25)

Bei der Untersuchung erfahrener Führungskräfte (CEOs) wurden z.B. drei Faustregeln deutlich: (Gerd Gigerenzer 2013) „Stelle gute Leute ein und lass sie ihre Arbeit tun. Dezentralisiere Vorgänge, dezentralisiere Strategien. Befördere intern.“ (a.a.O., S. 158)

Bezogen auf den Umgang mit Menschen „Erst zuhören, dann sprechen. Wenn ein Mensch nicht ehrlich und vertrauenswürdig ist, spielt der Rest keine Rolle. Ermutige Menschen, Risiken zu übernehmen, und autorisiere sie, Entscheidungen zu treffen und die Verantwortung für sie zu übernehmen.“ (a.a.O., S. 159)

Bezogen auf Geschäftsstrategien: „Innovation ist der Motor des Erfolges. Du kannst nicht auf Sicherheit spielen und gewinnen. Auch eine Analyse wird die Ungewissheit nicht verringern." (a.a.O. S. 159f)

Die Forderung nach mehr Intuition ist kein Abgesang an die Rationalität. Aber die Frage bleibt, in welchen Situationen sollte man ihr folgen.

Wir als Menschen wollen Gewissheit, aber gibt es Null-Risiko? Nein, Null-Risiko ist eine Illusion. Versicherungen schützen weder vor Autounfällen, noch vor Berufsunfähigkeit oder vor Arbeitslosigkeit; Vorsorgeuntersuchungen nicht vor Krankheit.

Es herrscht immer ein gewisses Risiko. Bekannte Risiken kann man zwar berechnen mit gewissen Wahrscheinlichkeiten. Aber es bleibt ein unkalkulierbarer Rest, da nicht alle Risiken bekannt sind.

Gigerenzer erzählt in seinem Buch mit dem Titel Risiko eine Geschichte vom Truthahn (vgl. S.55), der am ersten Tag einem Mann begegnet, von dem er nicht weiß, ob er ihn füttert oder tötet. Er füttert ihn, auch am zweiten Tag, am dritten und am vierten. Je länger er gefüttert wird umso größer wird für den Truthahn die Gewissheit, dass er auch am nächsten Tag gefüttert wird.

Wir Menschen wissen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses einzutreten mit jeder Wiederkehr steigt (die sogenannte Laplace-Regel).

Am 100. Tag ist diese Wahrscheinlichkeit sehr hoch und die Gewissheit des Truthahns auch. Aber er weiß nicht, dass an diesem Tag Thanksgiving ist und er als Braten gebraucht wird. Die rationale Laplace-Regel gilt nur für bekannte Risiken.

Gigerenzer nennt dies die Truthahn-Illusion, vor der wir Menschen uns hüten sollten.

Uns muss klar sein, dass es Ungewissheit gibt, in der Liebe, bei Aktienspekulationen, bei Naturkatastrophen. In der Wirtschaft und bei der Gesundheit. Bei Ungewissheiten helfen keine Wahrscheinlichkeiten. Hier hilft die Intuition, als schlechtere Alternative bliebe ansonsten noch das Zocken. „Aber wir leben nicht im Casino“ (Gigerenzer)

Aber wir haben noch eine weitere Säule der Ausbildung, die ich ansprechen möchte, um auch dort einige Fragezeichen zu setzen.

Sie erinnern sich sicherlich an viele Seminare, die sich dadurch kennzeichneten, dass nicht nur der Professor ständig redete sondern Beiträge von Ihnen selbst erwartet wurden. Und dabei zeigte sich ein unterschiedliches Verhalten: Einige von ihnen beteiligten sich gar nicht, einige waren eher zurückhaltend, andere immer vorne weg. Viele laufen Gefahr letzteres für das einzig richtige Verhalten zu halten. Nennen wir das erstere Introversion und das letztere Extraversion. Extraversion wird häufig bevorzugt –sie lernten ja Rhetorik, sie mussten Präsentationen erstellen und sich vor Publikum darstellen. Introvertierte, d.h. die Stillen, wurden eher gering geschätzt.

Aber: Wer und was waren die Erfinder, Entdecker, Entwickler in unserer Welt, etwa der Gravitationstheorie, der Relativitätstheorie, von Charlie Brown und von Harry Potter. Es waren Isaac Newton, Albert Einstein, Charles Schulz und Joanna Rawling (vgl. Cain 2013,S. 17). Und sie waren alle Introvertierte. Diese kennzeichnen sich durch nachdenken, einlassen und Kreativität. Extrovertierte sind offensiv, besetzen Führungspositionen und machen einen guten Eindruck (bella figura, wie die Italiener sagen) und können sich gut „verkaufen“.

In einem amerikanischen Buch (Cain 2013, S. 72ff.) genau zu dieser Problematik fand ich eine Analyse der Harvard Business School, diesen Namen haben wir übrigens für unsere Fakultät abgekupfert, im Englischen nennen wir uns Wismar Business School. In diesem Buch wurde die Harvard Business School als „Kaderschmiede der Extraversion“ (vgl. S.73) bezeichnet. Studierende arbeiten ständig in Lernteams. Aufgabe der Seminare war die Entwicklung von Selbstsicherheit und Führungsstärke. 50% der Note ergaben sich aus dem Fakt der Redebeteiligung in den Seminaren. Dieser Teamgeist setzt sich in der Freizeit fort. Man unternimmt ständig etwas gemeinsam, meist Partys. Böse Zungen behaupten Studenten der Harvard Business School gehen praktisch im Team auf die Toilette (vgl. S.75).

Drei Regeln scheinen dabei zentral zu sein, wie dies in der Studie ausgeführt wird:

„Sprich mit Überzeugung. Auch wenn du etwas nur zu 55% glaubst, sprich als glaubtest du 100% daran.“

„Wenn du dich auf das Seminar allein vorbereitest, dann machst du es falsch. Nichts an der Harvard Business School sollte allein gemacht werden.“

„Denk nicht über die perfekte Antwort nach. Es ist besser aufzustehen und etwas zu sagen, als dich nie zu äußern.“ (Cain 2013, S.23)

Aber welche Gefahren lauern hinter diesen Regeln? Verführt die erste Regel zur Oberflächlichkeit? Führt die zweite Regel in der Freizeit nicht dazu, dass „Geselligkeit zum Extremsport“ wird (vgl.S.79)? Und kann die dritte Regel nicht dazu führen, dass man leere oder falsche Äußerungen macht und vielleicht gar geschwätzig wird?

Und ich möchte weitere Fragezeichen setzen: Ist Redegewandtheit gleichbedeutend mit gute Ideen haben? Eine mögliche Antwort: „Ein leerer Topf klappert am lautesten“

Ist Aktivitäten leiten und Handlung initiieren gleich die richtigen Ziele haben? Eine mögliche Antwort: „Der Weg ist das Ziel?“

Zu beiden Fragen möchte ich je ein Beispiel zitieren. In einer Firma hatte ein Techniker eine gute Idee. In der Firma gab es aber auch ein Gremium, das gute Ideen prüfen sollte. Er wurde mit Fragen konfrontiert, „die er natürlich nicht beantworten konnte. Wie groß ist der Markt dafür? Worin besteht ihr Marketingansatz? Wie sieht der Geschäftsplan aus? Was wird das Produkt kosten?“ (S. 88) Im Gremium saßen die, die am besten präsentieren konnten. Auf die I D E E selbst gingen sie nicht ein. Ergo: Es ist zu unterscheiden „zwischen guten Präsentationstalenten und echten Führungsqualitäten“.(vgl. S. 87)

Zur zweiten Frage eine Anekdote: „Eine Familie sitzt an einem heißen Sommertag in Texas auf der Veranda und jemand sagt ‚Ich langweile mich. Warum fahren wir nicht nach Abilene?‘ Als sie in Abilene ankommen, sagt jemand anders ‚Eigentlich wollte ich gar nicht hierher.‘ Darauf ein Dritter: ‚Ich auch nicht – aber ich dachte, du wolltest fahren‘ und so weiter.“ (S. 86f.)

Diese Anekdote dient in der amerikanischen Militärausbildung als Stoppregel. „Wenn jemand sagt „Ich glaube, wir steigen gerade alle in den Bus nach Abilene, dann gehen alle roten Lampen an als Warnung. Ein falsches Ziel, eine unnötige Fahrt kann im Militär tödlich sein.

Kann man den Unterschied zwischen Introversion und Extraversion erklären? Die Neurowissenschaft kann uns dabei helfen, seitdem sie ins lebende Hirn schauen kann.

Introvertierte und Extrovertierte reagieren unterschiedlich auf die Aussicht auf Belohnung. Extrovertierte haben eine höhere Belohnungssensivität. Vereinfacht ausgedrückt hängt das mit dem Gleichgewicht zwischen altem Gehirn und neuem Gehirn zusammen. Das Alte ruft nach Befriedigung: Sex, Geld und Schokolade oder Status, das Neue sagt: pass auf.

Auf der einen Seite steht das limbische System, der Mandelkern und der Nucleus accumbens auf der anderen Seite der praefrontale Kortex. Extrovertierte scheinen empfänglicher für Dopamin, ein Botenstoff der Glücksgefühle auslöst, zu sein, das vermehrt auftritt, wenn das alte Hirn nach Belohnung ruft. In einem Experiment, das Belohnungen anbot: eine Belohnung sofort oder eine größere Belohnung in vier Wochen, zeigte sich bei denjenigen, die sofort belohnt werden wollten eine Aktivierung des Belohnungssystem. Diejenigen, die die größere Belohnung wählten „zeigten mehr Aktivitäten im präfrontalen Kortex, dem Teil des Gehirns, der uns davon abhält, unbedachte Emails zu verschicken und zu viel Schokolade zu essen.“ (S. 253)

Ich möchte nun nicht die Introversion und Extraversion gegeneinander ausspielen. Unsere Gehirnstrukturen können wir so schnell nicht ändern.

Aber wir können von der jeweils anderen Gruppe das Positive abschauen und die Manki der eigenen Gruppe besser kontrollieren. Die Introvertierten können Techniken entwickeln „vor die Tür“ zu gehen und neue Aufgaben anzugehen. Extrovertierte können lernen komplexe Probleme zu lösen und ein Frühwarnsystem einzurichten. Denn eins ist sicher und belegt: in der Intelligenz unterscheiden sich Introvertierte und Extrovertierte nicht.

Mit der Neurowissenschaft verlassen wir so langsam die Soziologie, aber sie trägt zu einer neuen Nachdenklichkeit bezüglich des Sozialen bei, weil sie vieles in neuem Licht zeigt. Hier hat die Soziologie neues einzuarbeiten. Dies gilt auch für die neue Verhaltensökonomie und die evolutionäre Anthropologie. Es gilt viel aufzuarbeiten. Es wird Zeit, dass der Ruhestand Zeit frei macht, dies zu tun.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.



Literatur

Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt 1978

Cain, Susan: Still. Die Kraft der Introvertierten, München 2013, 3. Aufl.

Elias, Norbert: Der Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, Zwei Bände, Frankfurt 1978; (Band 1: Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes)

Gigerenzer, Gerd: Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition, München 2007

Gigerenzer, Gerd: Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft, München 2013

Schnädelbach, Herbert: Was Philosophen wissen und was man von ihnen lernen kann, München 2012

(SWR2 Aula): Wenn der Bauch denkt. Über die Intelligenz der Intuition. Ralf Caspary im Gespräch mit Professor Gerd Gigerenzer, Sendung: Sonntag, 29. Juli 2007, 8.30 Uhr, SWR 2 (Interviewmanuskript)

Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Tübingen 1972, 5.Aufl.

Winkler, Joachim: Monsieur le Professeur! Anmerkungen zur Soziologie Pierre Bourdieus, in: Sociologia Internationalis 27 (1989), Heft 1, S. 5-18

Winkler, Joachim: Daten zur Sterblichkeit von Zuwanderern in Nordrhein-Westfalen, in: Caren Weilandt, Adrienne Huismann, Ljiljana Joksimovic, Lothar Klaes, Saskia van den Toorn und Joachim Winkler: Gesundheit von Zuwanderern in Nordrhein-Westfalen, herausgegeben v. Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 2000, S.121-130

Winkler, Joachim: Soziologie (Online-Vorlesung): Schriftliche Unterlagen (Studienbeschreibung, Pdf-Dateien der Kapitel- Folien) Testklausuren, Musterklausur Online-Video/Audio-Module (gestreamt - nicht als Dateidownload) Mitschnitte von Tutorien/Videokonferenzen (gestreamt - nicht als Dateidownload), WINGS 2013